PhotoCredit
Schwarz-weißes Streetfotografie-Bild aus einem Hauseingang heraus fotografiert: Mehrere Personen stehen im Rahmen einer Tordurchfahrt und blicken bei Regen auf ein gegenüberliegendes historisches Gebäude, der Hamburger Fischauktionshalle, mit Säulenarkaden und Glasoberlicht. Einzig ein bunter Regenschirm im Hintergrund ist farbig hervorgehoben, der Rest des Bilds ist monochrom.

Regen in Hamburg

Juli 2008

Hamburg war immer mein Sehnsuchtsort. Es begann in den 1980ern mit den Hafenkränen, für die ich mir die Nase im Font unseres Käfers plattdrückte, wenn wir im Sommer auf dem Weg zum Friedrichskoog waren.

Hamburg war immer mein Sehnsuchtsort. Es begann in den 1980ern mit den Hafenkränen, für die ich mir die Nase im Font unseres Käfers plattdrückte, wenn wir im Sommer auf dem Weg zum Friedrichskoog waren. Wir waren da meist schon sechs Stunden unterwegs. Hatten auf der A1 in irgendeinem Stau gestanden. Hatten in Wildeshausen Pause gemacht.

Wenn die Hafenkräne dann auftauchten, klopfte mein Herz bis zum Hals. Denn dann ging es unter die Elbe. Der Gedanke, dass über meinem Kopf riesige Containerschiffe hinwegglitten, während wir durch den Elbtunnel fuhren, war mir alls Zehnjährige fast unbegreiflich. Wir fuhren UNTER Wasser! Mit dem Auto! Das war aufregend!

Damit verbinde ich Hamburg seit je her.

Hafenkräne in Hamburg bei Regen, Industrie und Wasser.

Doch bis ich einen Fuß in diese schöne Stadt setzte, dauerte es noch Jahre. In den Nachrichten verfolgte ich vorher mit großen Augen das Geschehen auf der Hamburger Hafenstraße. Ich verstand, dass dort Menschen um ihr Zuhause kämpften. Ich hatte diesen Kampf auch vor der eigenen Haustür: Die Düsseldorfer Kiefernstraße kämpfte zur gleichen Zeit um den Erhalt von Wohnraum, von dem die Bewohner:innen einfach zugunsten eines Industriegebietes entmietet worden waren.

Doch die krassen Straßenkämpfe in der Hamburger Hafenstraße sogten für mehr bundesweite Aufmerksamkeit. Und standen vielleicht auch einfach in noch krasserem Kontrast zu den schönen Touri-Sendungen, die von Alsterblicken und Elbchaussee-Villen, Strandspaziergängen und dem Tor zur Welt erzählten.

Düsseldorf blieb in meiner Wahrnehmung daneben immer wie eine kleine Stiefschwester, die versuchte, so chic und so cool wie Hamburg zu sein. Dabei gibt es viele Parallelen. Hamburg hat die Elbe, Düsseldorf den Rhein. Hamburg hat die Mö, Düsseldorf die Schadowstraße. Hamburg hat den Jungfernstieg, Düsseldorf die Kö. Hamburg hat die Reeperbahn, Düsseldorf die Altstadt mit der vermeintlich längsten Theke der Welt. Und Hamburg hat das Schanzenviertel und Düsseldorf Flingern-Nord und Unterbilk.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich beide Städte liebe. Ein Zeit lang liebte ich Hamburg etwas mehr. Nicht nur, weil ich hier verliebt war. Auch weil Hamburg in den 1990ern ein anderes, ein souveräneres Selbstverständnis hatte.

In Düsseldorf investierten manche Jungs ihr erstes Gehalt in einen Miet-Porsche für ein paar Stunden, schniegelten sich auf schick, flexten auf der überprunkten Königsallee und bettelten sich in die angesagten Nachtclubs Checkers, Sam’s und Sinatras an den Türstehern vorbei. So konnten sie sich auch mal zwischen Millionärskindern tummeln, die als solche unverkennbar waren mit ihren Schicki-Micki-Klamotten, Pilotenbrillen und goldenen Rolexen am Arm. Es war die Hoch-Zeit der Blender, egal ob mit oder ohne dickem Konto.

In Hamburg traf man dagegen eher versehentlich auf so manches Rich Kid, das sich mit 3-Tage-Bart im abgewanzten Tanktop und kaputter Jeans auf den Tanzflächen im Tunnel, Mojo oder Front tummelte und nur daran als solches erkennbar war, weil es irgendwann ein paar Leute in Papas 7er-BMW lud und mit ihnen zu einer leerstehende Villa fuhr, in der sein Kumpel eine Goa-Party veranstaltete und die Luxusvilla in einen neonfarben schillernde Schwarzlicht-Tanztempel verwandelt hatte. Seine Eltern – so war die Legende – wollten die Villa sanieren lassen. Vorher wurde aber nochmal gefeiert.

In Düsseldorf gab es solche besonderen und vor allem geheimen Party-Locations auch, die oft nur mit Taschenlampen und ein bisschen Mut zu finden waren, zum Beispiel hinter der Metro in alten Fabrikhallen oder im frisch gebauten Regenwasser-Hauptsammler Mitte in Oberbilk.

Zugang nur über Gullis, man irrte – oft auf allen vieren und in vollkommener Dunkelheit – durch ein Tunnelgewirr der Musik entgegen. Es klang gespenstisch und gewaltig, eine Kakophonie von Echos der stampfenden Techno-Bässe, die in den Gängen und den Hallen widerhallten. Irgendwo drehte jemand ein Musikvideo, andere kümmerten sich darum, dass die Teelichter nicht ausgingen. Strom kam – vermutlich – von der nahegelegenden Kiefernstraße.

Düsseldorf ist meine Heimat. Hamburg ist mein Zuhause. Und so ist es gut…

SaSch

Meine Fotos. Meine Geschichten. Meine Gedanken. Mein Theme. Kein SEO.