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Schwarzweiß-Portrait von Fotoreporter Perry Kretz, 2009, Sandra Schink

Perry

Januar 2021

Perry schaute streng. Er schaute immer streng, aber diesmal wirkte seine faltige Miene noch düsterer. „Die Helden sind alle tot.“ sagte er, mehr für sich. Das Wort „Helden“ schmeckte bitter.

Perry schaute streng. Er schaute immer streng, aber diesmal wirkte seine faltige Miene noch düsterer. „Die Helden sind alle tot“, sagte er, mehr zu sich selbst. Das Wort „Helden“ schmeckte bitter.

Er sagte es mir in einem dieser schräg betonierten Gänge im Verlagshaus von Gruner + Jahr, wo wir zum Plausch zusammenstanden. Ich hatte ihn halb im Scherz als „einen der letzten Helden“ bezeichnet. Denn er hatte Fotogeschichte geschrieben – oder besser: dokumentiert.

Perry Kretz war fester Fotojournalist beim stern, als das Magazin noch eine Rolle im Journalismus spielte. Als Krisen- und Kriegsfotograf hielt er Konflikte in Nicaragua, Ruanda, Liberia, Afghanistan und vielen anderen Regionen fest. Zuvor hatte er als Soldat der US Army selbst am Koreakrieg teilgenommen.

Irgendwann 2009 hatten wir einen Interviewtermin für das ePaper VIEWspotlight vereinbart. Wenige Tage vorher sagte er ab: ein Unfall, ein Bruch. Nein, der alte Mann war nicht im Badezimmer ausgerutscht. Er war in Afghanistan vom Panzer gefallen.

Perry war kein Fotokünstler. Er war Handwerker. Er arbeitete mit einem Superzoom, das in Fotoforen voller Amateure despektierlich „Scherbe“ oder „Suppenzoom“ genannt wurde: ein Objektiv mit einem Brennweitenbereich von 18 bis 200 Millimetern, das mit der Abbildungsqualität von Festbrennweiten nicht mithalten konnte.

„Was soll ich mit unflexiblen Glasbausteinen?“, schnaubte er. „Wenn Dir Kugeln um die Ohren fliegen, wechselst Du keine Objektive. Denn DANN wirst Du zum Helden.“

Seine Kunst war es, völlig unmögliche Situationen überhaupt dokumentieren zu können. Zwischen den Fronten. Im Kugelhagel. Und in seinen oft sehr speziellen Netzwerken, die ihn nah an Mafia und Despoten heranbrachten.

Sein wichtigstes Werkzeug war Hartnäckigkeit. Er blieb dran, er ließ sich nicht abschütteln. So kam er an Orte und zu Menschen, die sonst niemand je zu Gesicht bekam.

Dieses Leben hatte ihn hart gemacht. Trotzdem konnte er eine sanfte und fürsorgliche Seite zeigen. Als einer der ersten Journalisten sprach er mit Kim Phúc, dem Mädchen, das als Neunjährige nach einem Napalm-Angriff aus Trảng Bàng floh und auf dem Foto „The Terror of War“ zum Symbol des Vietnamkriegs wurde. Er fotografierte sie 1973 im Krankenhaus, nach 14 Monaten Behandlung, und er sorgte dafür, dass sie später zu weiteren Operationen nach Deutschland kommen konnte. Über viele Jahre blieb er mit ihr in Kontakt. Wenn er über sie sprach, wurde sein Gesicht weich.

Perry hatte Ecken und Kanten. Er hat viele Dinge gesehen, die niemand sehen sollte. Die niemals passieren sollten. Und die dennoch immer wieder passieren.

Und die eben deshalb dokumentiert werden müssen, damit die Welt auf sie aufmerksam wird. Krisenreporter zu sein ist einer der härtesten, gefährlichsten und umstrittensten Jobs im Journalismus. Perry Kretz hat ihn über vier Jahrzehnte gemacht.

Danke, dass Du ihn gemacht hast, Perry.

Am 10. Dezember 2020 ist Perry Kretz im Alter von 87 Jahren in Hamburg gestorben.

Stationen von Perry Kretz

  • 1933: Geboren am 9. September in Köln.
  • 1950: Nach der Lehre zum Schriftsetzer Auswanderung in die USA.
  • 1950er Jahre: Hunter College in New York, Journalismusstudium an der New York University. Parallel Arbeit für die New York Post und die britische Nachrichten- und Bildagentur Keystone.
  • 1953: Amerikanische Staatsbürgerschaft, Eintritt in die United States Army, Einsatz im Koreakrieg.
  • 1969 bis 2004: Fotoreporter beim stern, überwiegend in Krisen- und Kriegsgebieten.
  • Reportagen: Vietnamkrieg, unter anderem Interviews mit Zivilistinnen und Zivilisten. Nicaraguanische Revolution, Massaker von El Mozote, Bosnienkrieg, Völkermord in Ruanda, Liberianischer Bürgerkrieg. Im Irakkrieg war er der älteste akkreditierte Journalist.
  • Auszeichnungen: Zwei dritte Preise der World Press Photo Foundation, für die Reportagen „New York Street Gangs“ und „Swimmingpool von Präsident Mobutu“.
  • 2020: Gestorben am 10. Dezember in Hamburg.

Die Helden sind alle tot, hat er gesagt. Seine Bilder sind es nicht: Sie liegen im stern-Fotoarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek. Wer sehen will, was Perry gesehen hat, findet sie dort.

SaSch

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