Es gibt nichtssagende Sätze, die mehr über die Person verraten, die sie ausspricht, als über das, was sie damit zu sagen glaubt. So ein Satz ist zum Beispiel: „Wir denken Mode komplett neu!“
Ein junger Mann hat ihn gerade ausgesprochen – nennen wir ihn Kai. Im weißen Leinenanzug und hellgrauen Barfuß-Slippern aus veganem Ananas-Leder steht er selbstbewusst und sichtbar von sich selbst eingenommen auf der Bühne und erläutert so gestenreich sein Business-Konzept, als handele es sich um einen TED-Talk. Das Publikum des Global Fashion Summits, das gleich nach der Mittagspause zu diesem Next Gen Leaders Panel gefunden hat – eine Handvoll Menschen, die sich für eigene Start-Up-Projekte inspirieren lassen oder Content für ihr Fashion-Blog aufnehmen wollen, während das interessante Fachpublikum noch beim Espresso im Foyer steht und sich austauscht – krümelt vor sich hin, während jemand hörbar die pastellfarbenen Keksschalen des ergatterten Macarons knackt.
Der Moderator lächelt stoisch. Die Frau neben ihm, seit über zwanzig Jahren im Vorstand eines Modeunternehmens, hebt eine Augenbraue. Ihre professionelle Mimik lässt nur latent durchscheinen, dass sie keine Inspiration erwartet.
Kai
Kai ist Mitte zwanzig. Kai betitelt sich selbst am liebsten als „Visionär“. Vor vierzehn Monaten hat er, wie es in einem Interview eines neuen Fashion-Blogs heißt, „komplett aus eigener Kraft“ eine UG gegründet.
Komplett aus eigener Kraft bedeutet in diesem Fall: Startkapital, Miete für den Schreibtisch im hippen Coworking-Space und persönliche laufende Kosten trägt bis heute das Elternhaus, offiziell läuft das unter „Family & Friends Round“. Sein Team besteht, je nach Tagesform seiner LinkedIn-Bio, aus „einem starken Kernteam“.
Bei näherem Hinsehen handelt es sich dabei um ihn selbst, eine Werkstudierende und einen Praktikanten, die beide im Homeoffice arbeiten – und Claude. Claude ist der billigste und gleichzeitig der mit Abstand effizienteste Mitarbeiter seines Teams. Während die „Family & Friends Round“ auch den Team-Tarif für die KI von Anthropic finanziert und Kai sich den Premium-Platz gönnt, muss sich sein Team einen Standardplatz unter der gleichen E-Mail-Adresse teilen.
Kais Onlinelabel heißt N0.WEAR, ein Name, dessen zweite Lesart ihm selbst noch nicht aufgefallen ist. Es bringt wöchentlich neue Kollektionen heraus, lässt dort produzieren, wo es am schnellsten und billigsten möglich ist, und verkauft das Ergebnis über Mikro-Influencer, bevor der beworbene Trend überhaupt irgendwo angekommen ist.
Kai selbst trägt Brunello Cucinelli, hundert Prozent Leinen, unstrukturiert geschnitten, in dem Farbton, den das Label „Shell White“ nennt – ein Unterschied, den nur erkennt, wer selbst schon einmal einen vierstelligen Betrag für ein Sakko bezahlt hat. Die Mokassins einer deutschen Manufaktur für Barfußschuhe, Obermaterial Piñatex, veganes „Leder“ aus Ananasfasern, kosten dagegen nur Peanuts: ab etwa 150 Euro gibt es das Paar. Kunstleder also, nur mit Haltung und Nachhaltigkeitszertifikat. Nach dem Material gefragt, würde Kai vermutlich etwas von „zirkulärer Materialethik“ antworten – womit wir wieder bei seinem eigentlichen Talent wären.
Der Begriff, den er dagegen konsequent vermeidet, ist Fast Fashion. Stattdessen spricht er von „zirkulärer Trendbeschleunigung“, von „demokratisierter Silhouetten-Zugänglichkeit“ und davon, den „Wear-to-Trash-Zyklus radikal neu zu denken“. Das klingt nach Haltung.
Übersetzt bedeutet es:
| Er sagt | Er meint |
|---|---|
| Wir demokratisieren Mode | Wir verkaufen möglichst billig produzierte Kleidung an möglichst viele Menschen, möglichst schnell |
| Trend-zu-Bügel in 72 Stunden | Wir lassen so schnell fertigen, dass niemand mehr nach Qualität oder Herkunft fragt |
| Zirkuläre Innovationsschleifen | Die Kleidung hält eine Saison, dann landet sie im Müll |
| Postmaterielle Preisarchitektur | Es ist billig, weil irgendwer anders die Kosten trägt |
Das eigentlich Vielsagende an seinen Worthülsen ist genau diese Sorgfalt. Wer „Fast Fashion“ nie sagt, sagt damit sehr genau, was er nicht gefragt werden möchte.
Aber ein CEO muss exakt so sprechen, davon ist Kai überzeugt. Und er ist auch absolut überzeugt davon, dass er ein CEO ist.
Die Bedeutung des C
C-Level bezeichnet per Definition alle Positionen, die mit „Chief“ beginnen und direkt an Vorstand, Gesellschafter oder Aufsichtsgremien berichten. Das bedeutet: Nach oben ist immer noch jemand, dem man Rechenschaft schuldig ist. In großen Unternehmen verteilt sich die Verantwortung sauber auf mehrere Chiefs, die sich gegenseitig kontrollieren. In kleinen Firmen übernimmt oft eine einzige Person mehrere dieser Rollen gleichzeitig. Und dort beginnt die Illusion.
Rechtlich ist „CEO“ im deutschsprachigen Raum bedeutungslos: Der Titel hat im deutschen, österreichischen und Schweizer Gesellschaftsrecht keinerlei Relevanz. Führen darf ihn jeder, auch der Chef eines Ein-Personen-Betriebs. Beim eigentlich treffenderen deutschen Wort „Geschäftsführer“ ist die Rechtslage strenger: Das OLG München entschied 2013, dass sich ein Einzelunternehmer im Impressum nicht so nennen darf, weil das Publikum dahinter fälschlich eine GmbH vermutet. Bei „CEO“ hat sich noch kein Gericht die Mühe gemacht – der Begriff hat hierzulande schlicht keine Bedeutung, an der man ihn messen könnte.
Deshalb steht auf Kais Visitenkarte: Founder & CEO. Dort steht außerdem: CVO. Und seine Erklärung direkt dahinter: Chief Vision Officer. Kais Visitenkarte verrät uns auch, dass er Kai Lysander mit Vornamen heißt – eine Reminiszenz seines Vaters, der einst tief im Fandom des jungen Rowling-Zauberers Harry Potter versunken war.
Die Begegnung
Nach dem Panel gesellt sich der euphorisierte junge Mann an den Stehtisch, an dem er die Frau entdeckt hat, die vor ihm auf dem Panel gesprochen hat. Sie war eingeladen worden, um jungen Gründer:innen ein paar Tipps mitzugeben. Unter anderem hatte sie erwähnt, dass Selbstüberschätzung kein Mut ist und dass Augenmaß und Zuhören keine Feigheit sind.
„Ich möchte mich nochmal vorstellen“, leitet Kai selbstbewusst ein, mit einer Hand in der Hosentasche und der anderen einen Aperol haltend, der sich in kreischendem Orange vor seinem muschelweißen Sakko abhebt. „Ich bin der CEO von N0.WEAR.“
Sie blickt kurz von ihrem Smartphone auf, das sie soeben genutzt hat, um ihren Assistenten zu briefen, einen Termin zu verschieben und einen anderen zu bestätigen. Mit einer Mischung aus Amüsiertheit und der Geduld einer Frau, die dieses Gespräch schon zu oft geführt hat: „Ist das so? Wie viele Chiefs sitzen denn in Ihrem Vorstand?“
Kai entgegnet jovial: „Aktuell bin ich das noch allein, aber die Vision skaliert. Könnten wir ein gemeinsames Selfie machen?“ Ohne die Antwort abzuwarten, bringt er sein iPhone 17 Pro Max in Position, aktiviert die Frontkamera und grinst mit erhobenem Daumen hinein, während die Frau trotz professionellem Lächeln ihre Konsterniertheit kaum verbergen kann.
Sie nickt, bedankt sich für das Gespräch – und schreibt sich, kaum dass er außer Sichtweite ist, eine Notiz ins Telefon.
Diese Notiz wird zur Grundlage einer neuen Richtlinie: Gäste für die Executive Round Tables ihres Unternehmens werden künftig sorgfältiger geprüft, bevor die Einladung rausgeht. Nicht aus Arroganz, sondern aus Zeitökonomie.
Ein kleines Glossar der Selbstüberschätzung
Für alle, die einem solchen Visionär in freier Wildbahn begegnen, hier eine kurze Bestimmungshilfe:
- CFO – Chief Fantasy Officer
– wenn aus der Finanzplanung Wunschdenken wird - CAAO – Chief All-Alone Officer
– unterschreibt „im Namen des Teams“, Team: er selbst - CLO – Chief LinkedIn Officer
– Unternehmenserfolg wird an Reichweite gemessen, nicht an Umsatz - CBO – Chief Bluff Officer
– verkauft Worthülsen als Produktstrategie - CIO – Chief Impostor Officer
– der ehrlichste Titel der Liste, würde er ihn nur führen
Der Realitätscheck
Bevor du dich auf dem C-Level wähnst, stell Dir drei Fragen: Berichtest du an ein Aufsichtsgremium? Widerspricht dir regelmäßig ein CFO, der nicht du selbst bist? Haftet ein Unternehmensvermögen für deine Entscheidungen, das größer ist als dein eigenes Girokonto? Dreimal Nein bedeutet nicht automatisch Erfolglosigkeit. Es bedeutet nur: kein C-Level.
Kai postet vermutlich gerade ein Foto vom Panel, Bildunterschrift: „Auf Augenhöhe mit den Großen der Fashion-Branche.“ Die Großen der Branche haben ihn da schon vergessen. Und falls Dir gerade auch so ein „Chief“ einfällt: Du weißt jetzt, welcher Titel aus der Liste oben passen könnte.
*möglicherweise hat Kai einen anderen Namen. Möglicherweise spielt diese Geschichte auch in anderen Branchen. Möglicherweise ist das aber ohnehin alles austauschbar. Wie Kai.